Ursula Gut

Tessanda

Ursula Gut

Eng den Häusern entlang schlängelt sich das Postauto durch die schmalen Gassen der Engadiner Dörfer. Und manchmal fürchtet es einen fast, wie nahe am Abgrund der Bus von Zernez über den Ofenpass ins Müstertal fährt. Während man bei der Rhätischen Bahn die technische Konstruktion bewundert, haben wir beim Postauto Achtung vor der sicheren Busführung des Chauffeurs.

Nach langen Jahren wollten wir wieder einmal das Münstertal, eng an der Grenze zum Südtirol, und natürlich speziell das zum Welterbe der UNESCO ernannte Kloster Müstair sehen, gegründet von Karl dem Grossen, wie das Zürcher Grossmünster. Die Architektur, die Stukkarbeiten und besonders auch die Malereien und der Altar der Kirche sind eindrücklich. 

Und doch ist das Highlight unseres Münstertaler Besuchs ein anderes: Die Tessanda, die fast hundertjährige Handweberei mit dem sehr schön gestalteten, einladenden Geschäft in Sta. Maria. Wir werden von einer Frau sehr freundlich empfangen, die, wie es sich später herausstellt, Anwältin ist und als Freundin der Geschäftsführerin diese zwei Wochen unterstützt.

Seit bald 100 Jahren - als Arbeitsplätze für Frauen aus dem Münstertal gegründet - werden wunderbare Produkte designt und gewoben, ausschliesslich in Naturgarnen wie Leinen, Baumwolle, Wolle, Cashmere und Seide. Selber in keiner Weise mit entsprechenden handwerklichen Fähigkeiten ausgestattet, bewundere ich die Tischdecken, Sets, Teppiche, die Haushalttücher aller Art, die Abwaschlappen, Schürzen, Kissen und die edlen Schals, die die Weberinnen und Näherinnen sorgfältig und in grosser Konzentration erarbeitet haben. Und so kaufen wir nicht nur einen Brotsack, sondern auch vier verschiedenartige wunderschöne Sets, genannt "Quattar Stagiuns", Vier Jahreszeiten, in entsprechenden Farben, je mit einem individuellen Kärtchen der Handwerkerin mit ihrem Leitspruch versehen. Ein Beispiel: "Mit Leidenschaft kreiere ich einzigartige Gewebe". Natürlich haben die Produkte ihren Preis. Aber sie sind so einzigartig schön und haltbar, entstammen einem Unternehmen in Form einer Stiftung, mit 14 Arbeitsplätzen und zwei Lernenden in einem Tal am Rande der Schweiz, dass ich den Betrag gerne zahle. Schon wollten wir den Laden verlassen, da erschien die Geschäftsführerin Maya Repele, spürte unsere Begeisterung, und schon landeten wir wieder im Haus und erhielten eine persönliche Führung durch die Räume mit den 25 Webstühlen und lassen uns die Arbeitsprozesse, vom Garn bis zum Endprodukt in allen Farbnuancen, die man sich nur vorstellen kann, erklären. Maya Repele ist eine Frau aus Zürich, die eine breite Ausbildung und Erfahrung aus der Wirtschaft, als Unternehmerin, als Verwaltungsrätin und Stiftungsrätin mit sich bringt. Sie weiss, wie man sich vernetzt, kommuniziert und verkauft. Und so wundert es einen nicht, dass Tessanda nicht nur im hübschen kleinen Büchlein "Boutique und Design Hotels" der HotellerieSuisse enthalten ist, auf Plakaten im Engadin wirbt, den Montagne Publikumspreis 2020 entgegennehmen durfte, Donna Leon begeistert und den plissierten Trachtenrock der Ehrendamen am Eidg. Schwing- und Alplerfests 2022 gewoben hat. Auf die Frage, wie sie denn dazu gekommen sei, hier zu arbeiten, sagte sie:"MIr häds eifach der Aermel ine gno."    

https://tessanda.ch


16.08.2022